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Die Biologie kennen und Eingriffsmöglichkeiten finden

Sichere Bestimmung der Schadursache und Kenntnisse zur Biologie der Schaderreger sind unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung einer erfolgversprechenden Bekämpfungsstrategie. Manche Schaderreger weisen in ihrer Biologie Besonderheiten auf, die als Schwachstelle ausgenutzt werden können.

Frostspannerraupen

Die als Frostspanner bezeichneten Schmetterlinge aus der Familie der Geometridae sind systematisch uneinheitlich, haben jedoch eine Besonderheit, die für eine einfache und effektive Bekämpfungsstrategie ausgenutzt wird. Die weiblichen Falter dieser Gruppe besitzen entweder keine oder stark verkürzte Flügel, die jedoch nicht mehr zum Fliegen taugen. Der Begriff „Frost“ im umgangssprachlichen Namen weist darauf hin, dass die Falter bei vielen Arten dieser Gruppe in der kalten Jahreszeit aktiv sind, es ist aber kein Frost als Schlupfreiz erforderlich. In den Gärten und Parkanlagen spielen die beiden kaum voneinander zu unterscheidenden Arten Kleiner Frostspanner Operophthera brumata und Buchenfrostspanner O. fagata sowie der Große Frostspanner Erannis defoliaria die größte Rolle.

 

Die männlichen Falter der Operophthera-Arten sind grau bis bräunlich gefärbt, die Flügelspannweite ist beim Kleinen Frostspannner mit etwa 25 mm geringfügig kleiner als beim Buchenfrostspanner mit bis zu 30 mm. Bei beiden Arten besitzen die weiblichen Falter lediglich Flügelstummel, die beim Buchenfrostspanner etwa so lang wie der Körper des Tieres ist; die flugunfähigen Weibchen sind zur Fortbewegung auf ihre relativ langen Beine angewiesen. Die Raupen des Kleinen Frostspanners sind samt der Kopfkapsel grün und besitzen seitlich weiße Streifen, sie werden etwa 20 mm lang. Die Raupen des Buchenfrostspanners sind schmutzig grün gefärbt, besitzen eine schwarze Kopfkapsel und erreichen eine Länge bis 25 mm. Die braunen männlichen Falter des Großen Frostspanners sind noch etwas größer, die Flügelspannweite beträgt etwa 40 mm. Deren Weibchen besitzen gar keine Flügel und erreichen eine Körperlänge von etwa 10 mm. Die bis 35 mm langen Raupen sind auffälliger gezeichnet, die Grundfarbe ist rotbraun mit auffälligen gelben Seitenstreifen.

 

Alle drei genannten Arten entwickeln sich ähnlich, wobei die Falter des Großen Frostspanners etwas früher aus den Puppen schlüpfen. Diese haben den Sommer im Boden überdauert, ab Oktober sind die Falter der neuen Generation zu finden. Nach der Begattung suchen sich die flugunfähigen Weibchen geeignete Eiablagestellen und müssen die zukünftigen Fraßgehölze ihrer Nachkommenschaft „zu Fuß“ erklimmen. Dort suchen sie sich in der Baumkrone versteckte Eiablageplätze zwischen Rindenschuppen oder Flechten, die winzigen Eier werden einzeln abgelegt. Jedes Weibchen legt dabei mehrere hundert Eier ab. Die Embryonalentwicklung setzt noch im Herbst ein, kommt aber bald zum Stillstand. Erst im nächsten Frühjahr wird sie fortgesetzt und endet mit dem Schlupf der Eiräupchen ab etwa Ende März/Anfang April. Die zunächst winzigen Räupchen fressen dann an den Trieb- und Blütenknospen sowie an den Blütenorganen. Mit zunehmender Größe der Raupen werden auch Blätter und sogar Fruchtschalen von z. B. Äpfeln befressen. Die Raupen der Operophthera-Arten produzieren Spinnfäden, mit deren Hilfe Blattbüschel zusammengesponnen werden – ein gewisser Schutz vor Fressfeinden entsteht. Bei größeren Raupen ist deren typische Fortbewegungsart gut zu beobachten: wie alle Spannerraupen nutzen sie das letzte Bauchfußpaar und den kräftigen Nachschieber zur Fixierung auf der Unterlage, strecken ihren Körper und klammern sich mit den sechs Vorderbeinen an der Unterlage fest. Anschließend ziehen sie den hinteren Teil dicht heran und machen dabei den familientypischen „Katzenbuckel“, um sich erneut mit Bauchfußpaar und Nachschieber festzuklammern. Bei Störungen oder in Ruhe wird der Körper von der Unterlage in gerader Form abgehoben, die Raupen sind dann im Blätter- und Zweigdickicht kaum mehr zu erkennen. Schon im Mai oder Juni sind die Raupen dann so weit entwickelt, dass sie ihre Fraßpflanzen verlassen und die Bodenstreu oder oberste Bodenschicht zur Verpuppung aufsuchen. Es entwickelt sich nur eine Generation im Jahr.

 

Als Wirtspflanzen dienen dem Kleinen und dem Großen Frostspanner eine Vielzahl von Laubgehölzarten, wirtschaftliche Schäden können im Obstbau verursacht werden. Die Raupen des Buchenfrostspanners ernähren sich hauptsächlich von Birken und Buchen und schädigen gelegentlich in Baumschulen oder Forstkulturen. Unter den natürlichen Gegenspielern sind die Singvögel von besonderer Bedeutung; deren Brutzeit mit hohem Futterbedarf fällt meist mit dem Auftreten der Raupen zusammen. Eine gezielte Förderung durch das Aufhängen geeigneter Nistkästen sollte daher nicht nur im Obstbau erfolgen, sondern auch in den Gärten (wieder) verstärkt propagiert werden. An Hochstämmen können im Herbst Leimringe angebracht werden, um so die Besiedlung der Baumkronen durch die flugunfähigen Weibchen zu verhindern. Die beleimten Papiermanschetten müssen dazu etwa Ende Oktober so angebracht werden, dass weder Tunnel für die kleinen Weibchen noch Ausweichrouten möglich sind. Bei grobborkigen Bäumen sollte der Stammbereich, wo später der Leimring angebracht werden soll, zuvor mit Lehm oder ähnlichem gut formbarem Material geglättet werden, so dass der Leimring nach dem Anbringen ganz dicht anliegt. Besitzt der Baum noch einen Baumpfahl oder Dreibock zur Fixierung, ist der Leimring oberhalb der Baumbindung anzubringen oder die Pfähle werden ebenfalls beleimt. Diese Leimringe haben aber keine spezifische Fangwirkung auf die Zielorganismen! Alle kleineren Insekten, Spinnentiere, manchmal sogar Fledermäuse oder Jungvögel können darauf kleben bleiben und verenden, so dass die Leimringe nach Ende der Aktivität der Falter Ende Dezember wieder entfernt werden müssen. Nur im Notfall ist in Gärten Einsatz von Insektiziden notwendig, kaum unerwünschte Nebenwirkungen besitzen die Bacillus-thuringiensis-Präparate.

Gitterroste an Wacholder

Sterben Zweige und Äste von Wacholdern Juniperus sp. ab, kann ein Rostpilzbefall dafür verantwortlich sein. An Wacholder kommen verschiedene Arten der Gattung Gymnosporangium vor, aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedeutung am Nebenwirt ist der Birnengitterrost Gymnosporangium sabinae am bekanntesten. Fast alle Gymnosporangium-Arten benötigen für ihre vollständige Entwicklung zwei Wirtspflanzenarten aus unterschiedlichen Gattungen. Als Hauptwirte, auf denen die geschlechtliche Entwicklung durchlaufen wird, dienen verschiedene Wacholderarten. Nebenwirte sind zahlreiche Gehölzgattungen aus der Familie der Rosengewächse. Bei den Nebenwirten werden meist nur Blattflecken verursacht, die trotz Auffälligkeit oft keinen messbaren Einfluss auf die Vitalität der Pflanzen haben. Manche Gymnosporangium-Arten können jedoch neben dem Laub ihrer Nebenwirte auch deren Früchte oder Triebe befallen, dann kann es zum Triebsterben kommen (z. B. bei Crataegus). Der Hauptwirt Wacholder wird dagegen deutlich stärker geschädigt, insbesondere beim Auftreten des Birnengitterrostes. Bei den anderen Gymnosporangium-Arten kommt es dagegen darauf an, welche Organe infiziert werden: Ast- oder Stammbefall führt oft zum Absterben, ein Befall an Nadeln oder grünen Zweigen spielt dagegen keine große Rolle.

Unmittelbar nach der Infektion zeigen Wacholder noch keine deutlichen Symptome. Auch an schon länger befallenen Wacholdern sind die meiste Zeit des Jahres kaum Hinweise auf einen Befall zu finden. Dann ist nur eine leicht spindelförmige Verdickung der Zweige und Äste sowie eine veränderte Struktur des Rindengewebes zu erkennen. Entwickeln sich im Frühjahr die auffälligen, braun bis orange gefärbten Fruchtkörper an den befallenen Rindenpartien, ist der Befall kaum mehr zu übersehen. Von März bis Mai sind dort die zipfeligen, bei Feuchtigkeit bis auf etwa 2 cm Länge aufquellenden gallertartigen Fruchtkörper zu finden. In diesen Fruchtkörpern an den Wacholdersträuchern entwickeln sich Sporen, die durch Wind über große Entfernungen transportiert werden. Sobald sie auf eine geeignete Wirtspflanze gelangen, keimen sie bei ausreichender Blattfeuchte aus. Die Nebenwirte zeigen später auf den Blattunterseiten auffällige Fruchtlager, die die typische namensgebende gitterartige Struktur haben. Im Bereich der Fruchtlager sind blattoberseits oft auffällige, gelb bis orangerot gefärbte Flecken zu erkennen. Hier entwickeln sich verschiedene Sporentypen, im Spätsommer werden zur Neuinfektion an Wacholdern fähigen Sporen entlassen, die entweder über die Nadeln oder direkt über das Rindengewebe eindringen. Wenn an Nebenwirten nur Blätter befallen sind, sind diese nach dem Laubfall wieder befallsfrei, der Pilz kann auf dem Nebenwirt in der Regel nicht überdauern. Am Wacholder kann sich der Schadpilz dagegen dauerhaft etablieren und jedes Jahr erneut auch ohne Neuinfektionen vom Nebenwirt die auffälligen Fruchtkörper entwickeln.

Werden die beiden Wirtspflanzen nicht in unmittelbarer Nähe gepflanzt, sind Infektionen unwahrscheinlicher. Vollständig können Infektionen von Gehölzen im weiteren Umfeld allerdings nicht ausgeschlossen werden. Sind den Gitterrosten zuzuordnende Rindengewebsveränderungen oder Fruchtkörper im Frühjahr zu erkennen, ist abzuwägen, ob befallene Äste schon vor deren Absterben vorsorglich entfernt werden können. Damit ist auch der Infektionsdruck für die im Umfeld stehenden potentiellen Wirte deutlich geringer. Fungizidanwendungen sind in Gärten und Parkanlagen kaum durchführbar und an den Nebenwirten aufgrund des geringen Schädigungspotentials auch nicht vertretbar.

Übersicht Wacholderroste

Symptom am HauptwirtHauptwirteArtNebenwirte
an Nadeln oder grünen Zweigen keine Zweigan-schwellungJuniperus communis subsp. communisG. torminali-junipereiniSorbus
G. cornutumSorbus
Juniperus communis subsp. alpinaG. gaeumanniinicht bekannt
an Zweigen, Ästen oder Stämmen meist auffällige An­schwellun­gen des befallenen Zweiges oder Astesschuppenblättrige Wacholderarten J. chinensis J. sabina J. virginianaG. confusumCrataegus Cydonia Chaenomeles Cotoneaster Mespilus Sorbus u. a.
G. fusisporumCotoneaster
G. sabinaePyrus
nadelblättrige Wacholderarten J. communisG. amelanchierisAmelanchier Pyracantha
G. clavariiformeAmelanchier Aronia Crataegus Cydonia Pyrus Sorbus u. a.
G. cornutumSorbus
G. tremelloidesSorbus Malus Cydonia

Text und Fotos: Jochen Veser