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Die unsichtbare Gefahr im Gespinst

Schaderregermanagement in der Praxis

Voraussetzung für ein erfolgreiches Schaderregermanagement sind gute Kenntnisse über den „Gegner“. Bei den Schädlingen aus dem Tierreich stellen die Insekten die überwältigende Mehrheit der Arten, aber auch andere Gliedertiere wie Milben können auffällige Schäden an Pflanzen verursachen. Unter den Milben sind es vor allem die Spinnmilben, die im Zimmer und Gewächshaus regelmäßig große Schäden anrichten, zunehmend spielt diese Schädlingsgruppe aber auch an Freilandpflanzen eine bedeutende Rolle.

Milben Acari gehören zu den Spinnentieren, was bei einigen Arten anhand des Körperbaus gut nachvollziehbar ist. Mit wenigen Ausnahmen – hier sind die Gallmilben zu nennen – besitzen die adulten Tiere acht Beine, die Jugendstadien jedoch nur sechs Beine. Milben sind eher kleine bis winzige Tiere, die mit bloßem Auge nicht an den Pflanzen erkennbar sind. Zu den größten bei uns vorkommenden Milben gehören Samtmilbenarten mit Körperlängen bis knapp 5 mm, die gelegentlich an Mauern oder Plattenbelägen auffallen; es handelt sich hierbei nicht um Pflanzenschädlinge – Samtmilben erbeuten Insekten und deren Eier.

Im Pflanzenschutz sind drei Milbenfamilien relevant. Gallmilben Eriophyidae können sehr auffällig werden und in manchen Kulturen auch größere Schäden anrichten; Weichhautmilben Tarsonemidae treten eher an Stauden oder Zierpflanzen, manche Arten auch an Erdbeeren als Schädlinge auf. Im Pflanzenbau spielen aber die Spinnmilben Tetranychidae die größte Rolle. Spinnmilbenschäden sind aus nahezu allen pflanzenbaulichen Kulturen bekannt; traditionell ist der geschützte Anbau unter Glas besonders stark von Schäden betroffen. Das liegt daran, dass Spinnmilben in lufttrockenen und warmen Klimaten besonders günstige Vermehrungsbedingungen finden und sich die Generationsdauer unter idealen Lebensbedingungen stark verkürzt. In der Folge können sich zahlreiche Generationen im Jahr entwickeln, was zwangsläufig zu sehr hohen Populationsdichten führt. Bei den Kunden sind daher Pflanzen in Wintergärten oder Zimmerpflanzen besonders häufig von Spinnmilbenschäden betroffen, aber auch Trogbepflanzungen an Standorten mit Wärmespeicherung oder Rückstrahlung von Glasflächen zeigen meist einen deutlich höheren Spinnmilbenbesatz.

 

Spinnmilben vermehren sich geschlechtlich durch Eiablage. Aus den Eiern schlüpfen winzige Larven, die sich nach artabhängig mehreren Häutungen im Laufe weniger Tage bis Wochen zum Adulttier entwickeln. Die Entwicklungsdauer hängt stark von den Umweltbedingungen ab; die Temperatur spielt eine entscheidende Rolle.

So dauert die Gesamtentwicklung der Gewächshausspinnmilben Tetranychus urticae (die auch häufig an Freilandpflanzen schädigt) bei 15 °C über einen Monat; bei Temperaturen um 30 °C ist die Gesamtentwicklung schon nach etwa einer Woche abgeschlossen. Die Überwinterung der Spinnmilben erfolgt artabhängig als erwachsenes Tier in geschützten Verstecken oder als robustes Winterei an der Wirtspflanze. Für die großräumige Verbreitung sind die kleinen Schädlinge auf Hilfe angewiesen: neben Windverfrachtung spielen auch Vektoren wie größere Insekten oder Vögel eine Rolle; gerade im Indoorbereich werden erste Populationen häufig mit besiedelten Pflanzen eingetragen.

Nicht alle Spinnmilbenarten produzieren die namensgebenden Gespinste, bei manchen Arten werden sie dagegen zumindest in bestimmten Entwicklungsphasen so auffällig, dass erst sie zu einer Entdeckung der Tiere führen. Der Schaden an den besiedelten Pflanzen ist bedingt durch die Ernährungsstrategie der Spinnmilben bei allen Arten grundsätzlich ähnlich: die Tiere saugen einzelne Pflanzenzellen aus. Diese Zellen sterben ab; es dringt Luft in die Zellen ein. Dadurch erscheint das geschädigte Gewebe charakteristisch weißlich-silbrig, bei manchen Arten auch eher gelblich verfärbt. Häufig beginnen die Schäden zunächst in der Nähe der Blattadern, sie können sich bei starkem Besatz aber über die gesamte Blattspreite ausdehnen. Dann kann die Assimilationsfläche deutlich reduziert werden, so dass es zu erkennbaren Vitalitätseinbußen der Wirtspflanzen kommt. Das Schadbild kann zumindest auf den ersten Blick mit Schäden durch kleine, saugende Insekten wie Thripse, Zikaden und Netzwanzen verwechselt werden.

 

Die Gemeine Spinnmilbe Tetranychus urticae hat einen enorm großen Wirtspflanzenkreis und kann sich nicht nur an zahlreichen Sommerblumen-, Stauden- und Gehölzarten vermehren, sondern besiedelt auch Gemüsekulturen und Wildkräuter. Die Art wird auch als Gewächshausspinnmilbe bezeichnet; ein anderer häufig verwendeter Name ist Bohnenspinnmilbe, weil sie an dieser Gemüsekultur regelmäßig große Schäden anrichtet. Die Gemeine Spinnmilbe überwintert geschützt in der Bodenstreu, sie nutzt aber auch andere geeignete Rückzugsmöglichkeiten wie Furchen oder Spalten in Holzpfählen oder Borke. Schon ab März werden die austreibenden Pflanzen besiedelt und dort die kugeligen, durchscheinenden, etwa 0,15 mm kleinen Eier auf den Blattunterseiten innerhalb der zarten Gespinste abgelegt. Mit zunehmender Reife verfärben sie sich rötlich, nach wenigen Tagen schlüpfen die zunächst fast durchsichtigen Larven. Diese entwickeln sich temperaturabhängig im Laufe von 7 bis 30 Tagen über mehrere Nymphenstadien zum erwachsenen Tier. Die Weibchen sind etwa 0,5 mm lang, gelblich bis grünlich gefärbt mit zwei dunklen Flecken; die im Herbst auftretenden Weibchen sind orangerot bis rot gefärbt („Rote Spinne“). Die Männchen sind etwas kleiner und zierlicher; die Männchen sterben nach der Begattung der Winterweibchen. Die Lebensdauer des Einzeltieres während der Vegetationsperiode ist zwar mit 3 bis 4 Wochen recht kurz, in dieser Zeit können die Weibchen aber bis zu hundert Eier ablegen.

 

Die Obstbaumspinnmilbe Panonychus ulmi besiedelt zahlreiche Obstgehölze und spielt insbesondere im Apfelanbau, aber auch im Weinbau eine große Rolle. Der wissenschaftliche Name deutet schon an, dass sie auch an zahlreichen anderen Gehölzen auftritt, so z. B. häufig an Rosskastanien oder auch Ulmen. Die erwachsenen Milben sind etwa 0,5 mm lang und meist rötlich gefärbt. Die Eier sind an ihrer charakteristischen Form gut zu erkennen: sie ähneln einer winzigen Zwiebel mit einem fädigen Fortsatz. Die in Form von robusten Wintereiern in Rindenrissen überwinternde Population beginnt ihre Entwicklung im neuen Jahr ab etwa März/April. Dann schlüpfen die Larven und entwickeln sich in wenigen Wochen zu adulten Milben. Diese breiten sich nun in der Baumkrone aus; nach der Begattung werden dann Sommereier abgelegt. Im Laufe des Jahres können sich mindestens vier bis fünf Generationen entwickeln. Gegen Ende der Vegetationsperiode legen die Weibchen zahlreiche Eier in Rindenrissen oder in der Nähe der Knospen ab und sterben.

 

Auf verschiedene Nadelgehölze hat sich die Nadelholzspinnmilbe Oligonychus ununguis spezialisiert. In Hausgärten werden Schäden regelmäßig an Zuckerhutfichten auffällig, die Milbenart ist aber auch an vielen anderen Koniferen zu finden und verursacht an Heckenthujen unschöne fahle Verfärbungen. Die ebenfalls nur etwa 0,5 mm kleinen Milben sind während der Vegetationsperiode gelblich bis grünlich gefärbt, später treten auch rötlichbraune Stadien auf. Sie entwickelt zarte Gespinste, die gelegentlich an den Trieben und an den Nadelbasen zu finden sind. Bei Fichten kommt es rasch zu fahlen Nadelverfärbungen und Nadelverlusten, betroffen sind typischerweise die südwestseitig exponierten Kronenbereiche. Die Nadelholzspinnmilbe kann unter günstigen Bedingungen bis zu 10 Generationen im Jahr entwickeln, sie überwintert an den Trieben und Zweigen als robustes Winterei.

 

Eine besonders auffällige und von dem durch die meisten anderen Spinnmilben verursachten Schadbild abweichende Symptomatik ist nach einem Besatz durch Bambusmilben Stigmaeopsis sp. sowohl an Fargesia als auch an Phyllostachys zu erkennen. Diese Spinnmilbenart produziert auf den Blattunterseiten des Bambus meist nur wenige Quadratmillimeter große, als helle, silbrig schimmernde Zonen erkennbare Gespinste. Darunter entwickeln sich die Milbenpopulationen gut geschützt; die Tiere saugen in diesem eng begrenzten Bereich dort an den Blattzellen. So entstehen scharf abgegrenzte helle Flecken auf den Blattunterseiten, die diagnostisch manchmal (zu) spät Spinnmilben zugeordnet werden. Starker Besatz kann eine fast vollständige Entlaubung nach sich ziehen. Auch die Bambusmilbe entwickelt zahlreiche Generationen im Jahr; unter optimalen Bedingungen dauert die Entwicklung vom Ei bis zum erwachsenen Tier nur 14 Tage. Die Bambusmilbe überwintert als erwachsenes Weibchen im Bambusbestand.

 

Maßnahmen gegen Spinnmilben wären mit Akariziden sehr aufwändig und müssten in sehr kurzen Zeitabständen wiederholt werden; die meisten Wirkstoffe erfassen nur bestimmte Entwicklungsstadien der Schädlinge. Vorbeugend ist auf die pflanzenverträgliche Standortwahl zu achten: heiße, trockene Standorte begünstigen eine Besiedlung durch Spinnmilben, geschützte Standorte – z. B. unter Dachüberständen – sind nochmals stärker gefährdet. Auch eine bedarfsgerechte Bewässerung kann die Schäden begrenzen helfen; insbesondere bei eingeschränktem Wurzelraum (Trogbepflanzung, Rhizomsperre bei Bambus!) ist diese sicherzustellen. Die Schonung und Förderung natürlicher Gegenspieler kann helfen, das Spinnmilbenproblem in den Griff zu bekommen. Hier sind v. a. Raubmilben wichtige Helfer. Sie können mit Filzstreifen an den Gehölzen oder mit Schonung von Filzgallmilben gefördert werden – letztere dienen den Raubmilben als Nahrung, bis erste Spinnmilbenpopulationen auftreten. Aber auch andere Nützlinge wie Florfliegenlarven, räuberische Gallmückenlarven, manche Marienkäferarten und Blumenwanzen können zu einer Dezimierung beitragen. Einige dieser genannten Nützlinge können auch gezielt in gefährdeten Pflanzenbeständen eingesetzt werden. Dabei ist zu beachten, dass auch die natürlichen Gegenspieler bestimmte Ansprüche an das Mikroklima haben und deshalb der Einsatz immer auch von der Witterungsentwicklung abhängig zu machen ist. Grundsätzlich sollten Nützlinge zu Beginn der Schädlingsentwicklung eingesetzt werden; ein Einbringen von Raubmilben, wenn schon das gesamte Laub durch Spinnmilben fahl verfärbt ist, kann kaum noch einen messbaren Effekt haben.

Abb. 1: Unterschiedliche Schädigungsgrade durch Spinnmilben an Lorbeerkirsche.
Abb. 2: Charakteristische Symptomentwicklung durch Spinnmilben im Bereich der Blattadern an Eiche.
Abb. 3: Starker Spinnmilbenschaden an Apfelblatt. Abb. 4: Fahle Nadelverfärbungen durch Spinnmilben an Fichte. Abb. 5: Im Herbst manchmal auffällig: großflächige Gespinste von Lindenspinnmilben am Stamm dienen der Abwanderung in die Bodenstreu.
Abb. 6: Spinnmilben an Wacholder: links besiedelt, rechts ohne Besatz. Abb. 7: Blattfleckung durch Spinnmilben an Bambus. Abb. 8: Zartes Gespinst auf der Blattunterseite durch Bambusmilbe, Eier unter dem Gespinst erkennbar. Abb. 9: Spinnmilbenkolonie mit unterschiedlichen Entwicklungsstadien auf der Blattunterseite einer Rose. Abb. 10: Spinnmilben mit deutlich erkennbarem Gespinst an Oleander.
Abb. 11: Gemeine Spinnmilbe (Tetranychus urticae) / istockphoto.com, Credit:Tomasz Klejdysz, Stock photo ID:1351146343
Abb. 12: Samtmilbe (Trombidiidae) / istockphoto.com, Credit:CreativeNature_nl, Stock photo ID:2204779287
 

Verschiedene Verursacher fahler Blattverfärbungen nach Saugschäden

Verursacher Unterscheidungsmerkmale
Spinnmilben blattunterseits Gespinste, Eier, Eihüllen, Häutungshüllen, Tiere
Thripse stiftförmige Tiere, dunkle Kottröpfchen meist blattoberseits
Zikaden Tiere flüchten rasch bei Kontrollen, manchmal Häutungshüllen blattunterseits
Netzwanzen Tiere blattunterseits, Kottröpfchen oder krustige braune Verschmutzungen blattunterseits

Text und Fotos: Jochen Veser, iStock