Gehölzverwendung im Schwammstadtsystem für Bäume – eine Klarstellung
Dieser Beitrag nimmt den Artikel von Hartmut Balder aus der ersten Ausgabe 2026 des GalaBau Journals Nr. 01/2026 zum Anlass noch einmal eine praktische Orientierung zum Thema Schwammstadtsystem für Bäume zu geben. Vorab: Balders grundsätzliches Missverständnis des Schwammstadtsystems für Bäume klärt sich im letzten Absatz seines Artikels auf: Das Schwammstadtsystem für Bäume ist eben keine mit Bäumen bepflanzte konventionelle Regenwasserversickerungsanlage. (Der Begriff der „Schwammstadt“ wird Deutschland nicht so spezifisch verwendet, wie bei uns in Österreich).
Das „Schwammstadtsystem für Bäume“ wurde in Österreich aus dem Schwedischen „Stockholm-System“ weiterentwickelt, an unsere Bedingungen angepasst und konzentriert sich vorrangig auf gute Entwicklungsmöglichkeiten für unsere Straßenbäume. Die Retention von Niederschlagswasser steht dabei nicht im Vordergrund, ist aber durchaus erwünscht. Das System baut auf der Schaffung von Wurzelraum für Bäume unter befestigten Flächen auf; das System geht von der baulichen Herstellung eines Volumens von mind. 35m3 pro Baum aus. Der Gasaustausch und die Tragfähigkeit dieses zum angrenzenden Boden offenen Systems ist durch seine Konstruktion gewährleistet. Die Einleitung von Wasser ins System kann durch Einläufe aber auch durch Tiefbeete, technische Filter oder eben auch Sickermulden erfolgen. Wasser wird als Feldkapazität des Feinsubstrats (syn. Schlämmsubstrat) gehalten mit dem die Hohlräume der Skelettbodenschicht (Struktursubstrat) gefüllt sind. Überschüssiges Wasser wird im horizontal ausgebildeten Untergrund des Systems versickert und falls das nicht ausreichend möglich ist, durch Dränagen abgeleitet. Ausschlaggebend ist dabei die Wasserdurchlässigkeit (der Kf-Wert) des Untergrunds an der Sohle der Skelettbodenschicht. Das offene Schwammstadtsystem für Bäume unterscheidet sich von Regenwasseranlagen oder (Baum-)Rigolen. Es geht um den Wurzelraum des Baumes und die Etablierung von Baumstandorten in befestigten Flächen; das lokale Regenwassermanagement ist ein angenehmer „Nebeneffekt“. Bäume können dem ÖWAV-Regelblatt 45 folgend, aber auch direkt in den Bodenfilter eines Tiefbeetes gepflanzt werden, sofern dieses in einen Schwammstadtaufbau eingebunden ist.
Dieses „sowohl als auch“, unterscheidet das Schwammstadtsystem für Bäume von den meisten Beispielen, die Balder angeführt, und in seiner langen Karriere planerisch und wissenschaftlich begleitet hat.
Wir wollen dennoch auf einige im Artikel angesprochene Problemfelder eingehen.
Staunässe
So wird in dem Artikel das Problem der Staunässe angesprochen. In den Versuchen im Freilandlabor, den Monitoringprojekten und der bisherigen Baupraxis, hat sich bei entsprechender baulicher Vorsorge noch kein Staunässeproblem ergeben. Das Problem der mangelhaften Versickerung im Untergrund ist bei der Planung und im Bau durch geeignete Maßnahmen zu lösen. Da im Schwammstadtsystem für Bäume ein freier Wasserspiegel auch bei Starkregen nur äußerst kurzfristig auftreten kann, steht den Bäumen im gesamten System ausreichend Bodenluft zur Verfügung.
Projekte mit Staunässeproblemen sind nicht nach dem Schwammstadtsystem für Bäume, geplant und / oder gebaut.
Trockenheit
Hinsichtlich der Trockenheit ist auf die entsprechende Baumartenwahl zu achten. Die großen und allseits offenen Wurzelräume unter dem Oberbau der befestigten Flächen erlauben den Bäumen einerseits eine weiträumige Erschließung auch in die Tiefe um Trockenphasen besser zu ertragen. Wurzelsysteme erweisen sich dabei als äußerst anpassungsfähig. (Die Begrenzung des Wurzelraums auf Baumscheiben sollte der Vergangenheit angehören.)
Andererseits bieten die Regenwassereinläufe bzw.Tiefbeetüberläufe sowie das Verteilsystem auch die Möglichkeit einer flächigen Notbewässerung im gesamten Wurzelbereich. In der Jungbaumphase ist selbstverständlich immer eine zusätzliche Bewässerung am unmittelbaren Baumstandort erforderlich.
Baumkronen
Große Baumkronen zur weiten Überschirmung der Standflächen sollten aus allgemeinen Klimaanpassungsgründen angestrebt werden. Schatten und Verdunstung sind Hauptaufgaben des Baums als grüne Infrastruktur. Die städtebaulichen Vorgaben insbesondere der Stadt Wien (Fachkonzept Öffentlicher Raum, 2014) fordern das ebenso ein, wie die EU-Renaturierungsverordnung (EU-Restoration Law) aus dem Jahr 2024.
Technische Infrastruktur
Schäden an technischer Infrastruktur werden durch Schutzmaßnahmen unmittelbar an der Infrastruktur (Ummantelung / Verlegung von Rohren, Isolierung von vulnerablen Bauteilen) und nicht durch Einschränkungen des Wurzelraums gelöst. Die Vorgehensweise ist klar. Es gilt erst zu klären, was es im Untergrund für Leitungen gibt. Wenn Lage und Tiefe bekannt sind, können diese (zumeist!) sehr gut eingebunden werden. Dafür ist die Abstimmung mit den Leitungsträgern wichtig.
Neubau
Das Schwammstadtsystem für Bäume ist im Neubau quasi kostenneutral zu herkömmlichen Baumpflanzungen. Das Bauprinzip ist nicht patentiert, sondern soll als offenes System Bäumen im Bereich von Straßen und Plätzen helfen vital alt zu werden. Man muss nur rechtzeitig und mit Fachkenntnis planen. Dafür stehen wir und die Kollegen im Arbeitskreis Schwammstadt.at gerne zur Verfügung!
Fazit
Der Schwammstadtbegriff wurde in den letzten Jahren häufig verwendet, auch in Fällen wo die Bauweise nicht entspricht. Hier ist es sehr wichtig, die Begrifflichkeiten richtig anzuwenden und dann auch entsprechend zu agieren. Bei der „Schwammstadt für Bäume“ ist es die fachlich richtige Planung von Baumstandorten mit dem notwendigen Durchwurzelungsvolumen. Eine Begleitung der Bauausführung samt den Vorarbeiten (zB Ermittlung des Versickerungsbeiwertes, Grundwasserspiegel, Verschmutzungsgrad des Oberflächenwassers, lt. ÖWAV-Regelblatt 45).
Die tiefgründige Durchwurzelung der Baumstandorte mit 35m³ und mehr ist erreichbares Ziel. Untersuchungen der HBLFA für Gartenbau in Wien-Schönbrunn haben gezeigt, dass Substrate mit ausreichend Bodenluft bis in die Tiefe, das entsprechende Wurzelwachstum auch bis in den Sohlenbereich der Baumgruben (1,5 – 1,7m tief) leiten. Zur Verbesserung der Versorgung des Baumes mit Luft, Wasser und Nährstoffen und der Standsicherheit, was angesichts er größeren Unwetterhäufigkeit ein wichtiger Aspekt ist.
Die Schwammstadt für Bäume ist eine gärtnerische Kompetenz an der Nahtstelle zum Straßenbau, die vom GalaBau häufig nicht richtig wahrgenommen wird. Es wäre gut und ein Zeichen unserer sich stark verändernden Welt, wenn die Grüne Branche hier viel stärker und fachkompetenter präsent wäre und diese fachspezifischen Pflanz- und Bauleistungen in ihre operative Tätigkeit mit aufnimmt.
„Lieber einen Baum richtig pflanzen als zehn in Standardbaumscheiben der letzten vierzig Jahre.“

Text und Fotos + Abbildungen Stefan Schmidt und Daniel Zimmermann, 3:0 LANDSCHAFTSARCHITEKTUR






