Pflanzenbilder als Inspiration
Der rund 2,2 Hektar große Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof im deutschen Weinheim ist nicht nur kostenlos zugänglich, sondern auch zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert – eine Oase in der Stadt, nur wenige Gehminuten vom historischen Marktplatz entfernt.
Der Garten blickt auf eine über 200-jährige Geschichte zurück. Er wurde 1888 von der Industriellenfamilie Freudenberg als Familiensitz erworben. Hermann-Ernst Freudenberg und seine Frau Helene waren Sammler seltener Gehölze und gaben ihre Begeisterung an die nächsten Generationen weiter. Einige dieser Gehölze, darunter auch ein Riesenmammutbaum, sind heute noch im Garten zu bewundern. Zwischen 1981–1983 erfolgte die Umgestaltung des Geländes zum Schau- und Sichtungsgarten für Stauden mit dem Fokus auf der Erprobung von Pflanzengemeinschaften nach ökologischen Kriterien. Das vorrangige Ziel war es, auf andere private GartenbesitzerInnen bildend einzuwirken und die Gartenkultur zu fördern. Der Hermannshof sollte deshalb nicht nur ein Schaugarten werden, sondern eine wissenschaftliche Einrichtung. Während alle vergleichbaren Anlagen in Deutschland von staatlichen Lehr- oder Versuchseinrichtungen und damit von der öffentlichen Hand getragen werden, ist der Hermannshof überwiegend privat finanziert, nämlich zu 70 % durch die Unternehmensgruppe Freudenberg. 20 % werden von der Stadt Weinheim finanziert, 10 % erwirtschaftet der Garten selbst. Diese Absicherung sorgt dafür, dass die Anlage unabhängig agieren und eigene Wege gehen konnte und kann.
Stauden und ihre Lebensbereiche
Das klimatisch milde Weinbauklima der Region ermöglicht die Kultur einer großen Pflanzenvielfalt. Über 2.500 Staudenarten und -sorten sowie alte, in Deutschland teilweise seltene Gehölze sind hier zu erleben. Beim Rundgang durch den Schau- und Sichtungsgarten zeigt sich das Konzept der Pflanzenverwendung nach „Lebensbereichen", das auf der Lehre von Richard Hansen, dem ehemaligen Leiter des Sichtungsgartens Weihenstephan, beruht. Dass die Stauden für eine dauerhafte und pflegeleichte Bepflanzung am richtigen Platz gesetzt werden müssen, an dem sie sich auch wohlfühlen, erscheint heute vollkommen logisch. 1981 veröffentlicht, öffnete das Konzept aber eine neue Sichtweise, die auf die Staudenverwendung, wie wir sie heute kennen, großen Einfluss hatte und Richard Hansen zum Initiator von Staudenpflanzungen im „New German Style" machte. Er unterteilte den Garten in sieben verschiedene Zonen, die „Lebensbereiche": Gehölz, Gehölzrand, Freifläche, Wasserrand, Wasser, Steinanlagen und Beet. Diese Lebensbereiche gliederte er weiter nach individuellen Standortverhältnissen wie Licht und Bodenfeuchtigkeit.
Geprägt durch Cassian Schmidt
Von 1998 bis 2023 lag die Leitung des Hermannshofs in den Händen des Landschaftsarchitekten und Gärtnermeisters Cassian Schmidt, der den „New German Style" weiterentwickelte. Dieser zeigt sich in pflegeleichten, naturnahen, nachhaltigen, dabei aber sehr attraktiven Beeten – vor allem mit Stauden und Gräsern, aber auch mit Einjährigen. Das Bild der Pflanzung erscheint möglichst natürlich gewachsen, der Pflegeaufwand ist gering. Cassian Schmidts besonderes Interesse galt stressresistenten und auch im Klimawandel pflegeleichten Staudenmischungen, die gleichzeitig auch für Insekten wertvoll sind. Im Schau- und Sichtungsgarten erforschte er verschiedene Pflegestrategien und den Umgang mit der natürlichen Dynamik von Staudenpflanzungen. 2023 wurde sein Vertrag als wissenschaftlicher Leiter überraschend durch den Trägerverein gekündigt. Das neue Leitungsteam – Gartenbauingenieurin Sabine Bomba und Staudengärtnermeister Sean Carroll – führt den Garten nun weiter. Sie sollen seinen Charakter erhalten, den Fokus aber stärker auf den Nutzwert für die breite Öffentlichkeit legen. Die Wissensvermittlung für BesucherInnen soll künftig leichter verständlich werden – durch ausführlichere Beschilderungen, gezielte Führungen und weiterhin kostenlose Sonntagsführungen, den Ausbau der Social-Media-Präsenz und mehr Verkaufstage für die Öffentlichkeit.
Breites Staudenspektrum
Die geschützte Lage, der alte Gehölzbestand, der abfallende Hang, an den sich eine sonnige Senke mit Teich anschließt, sowie eine sonnige Felslandschaft bieten gute Bedingungen für Stauden mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen. Sie werden in verschiedenen Lebensbereichen gezeigt und diese weiter in Pflanzthemen mit unterschiedlichen jahreszeitlichen Höhepunkten untergliedert. Im Bereich Gehölz und Gehölzrand finden sich etwa Pflanzungen mit Wald- und Waldrandstauden aus Europa und Asien. Der Blühhöhepunkt liegt hier im Frühjahr, wenn das Laubdach noch nicht geschlossen ist und noch Licht und Niederschläge zum Boden vordringen. Weitere Bereiche sind die Steppenpflanzen, Salbei und Schafgarben, Beet- und Prachtstauden aus den Prärien Nordamerikas, Strauch- und Stauden-Päonien sowie Feuchtwiesenstauden. Die Nährstoffversorgung der Pflanzen gewährleistet die Methode der Flächenkompostierung. Dabei werden die Stauden, die über die Sommermonate in einer dichten Pflanzengemeinschaft aufwachsen und zusammenstehen, im Spätherbst bzw. Spätwinter bodentief zurückgeschnitten und zerkleinert. Dann wird das Schnittgut weiter durch Überfahren mit dem Rasenmäher zu Mulch gehäckselt, der als organische Mulchschicht auf der Fläche verbleibt und sich im Laufe der Vegetationsperiode zersetzt.
Austausch und Auswahl
Wie viele andere botanische Gärten beteiligt sich auch der Hermannshof am internationalen Samentausch mit anderen Anlagen und kann dafür im Gegenzug sein Sortiment bereichern. Etwa 80 % der benötigten Stauden und der gesamte Frühjahrs- und Sommerflor werden jährlich in der eigenen Gärtnerei aus Saatgut herangezogen oder vegetativ vermehrt. Was darüber hinaus benötigt wird, erwirbt man in Staudengärtnereien, Baumschulen und im Saatgut- und Blumenzwiebelhandel. Damit dieser Pflanzenreichtum dauerhaft zu sehen bleibt, muss er am neuen Standort nachhaltig und problemlos gedeihen. Deshalb werden bei der Auswahl solche Pflanzen bevorzugt, die ohne raffinierte Pflegemaßnahmen wachsen. Die Staudensortimentssichtung erfolgte bis 2025 auf einem nicht öffentlich zugänglichen Privatgelände, der „Anzuchtsgärtnerei". Hier wurden Stauden und Gräser auf ihre Verwendungseignung in privaten und öffentlichen Grünanlagen (Sortimentssichtung) und ihre Standortansprüche und ihr Konkurrenzverhalten (Verwendungssichtung) untersucht. Schwerpunkte waren dabei die Reaktion der Stauden auf Hitze und Trockenheit, insbesondere bei zunehmenden klimatischen Veränderungen, sowie die kosteneffiziente Pflege von Pflanzungen. Der Verkauf des Gärtnerei-Geländes führte dazu, dass die Sortimentssichtung derzeit ausgesetzt ist.
Eindrucksvolle Baumriesen
Neben dem Schwerpunkt der Staudenpflanzungen bietet der Hermannshof auch dendrologische Besonderheiten, etwa eine 1770 gepflanzte Morgenländische Platane (Platanus orientalis), die größte und älteste in Deutschland, eine 30 m hohe Ahornblättrige Platane (Platanus x hispanica), einen über 31 m hohen Riesenmammutbaum (Sequoiadendron giganteum) und eine Yulan Magnolie (Magnolia denudata) – beide 1888 vor der Villa gepflanzt. Der 1924 angelegte Glyzinien-Laubengang an der Nordmauer des Gartens ist zur Blütezeit ein echter Fotomagnet. Eine frei ausgepflanzte Brautmyrte (Myrtus communis) gilt als ältestes und größtes Exemplar in Deutschland. Sie wurde 1879 von einem Steckling aus dem Brautkranz der Helene Freudenberg gezogen und wird von November bis Ende März durch ein mobiles Überwinterungshaus vor stärkerem Frost geschützt. Die prächtige Villa, das Gärtnerhaus und die alten Gehölze sorgen für Struktur, die Aussicht zur Altstadt und in die Umgebung für weite Blickpunkte. Trotz der Vielzahl an Staudenpflanzungen und Informationen lässt der Garten damit auch Platz zum Durchatmen und zur Erholung. Im Gärtnerhaus befindet sich ein kleiner Verkauf mit einem Sortiment an Samen aus eigener Ernte, Broschüren, Informationsblättern und kleinen Gartenartikeln. An Sonntagen werden kostenlose Gartenführungen angeboten, mehrmals im Jahr gibt es auch einen Tag der offenen Tür mit Garten-Spaziergängen und Pflanzenverkauf.
Buchtipp
Cassian Schmidt: Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof
Verlag Eugen Ulmer, erschienen 2018, ISBN-13: 9783818603373
Adresse und Öffnungszeiten
Adresse:
Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof e.V.
Babostraße 5
69469 Weinheim/Bergstraße
Deutschland
Öffnungszeiten:
04 – 09: täglich 10:00 – 19:00
03 + 10: täglich 10:00 – 18:00
11 — 02: Mo bis Fr 10:00 –16:00
Internet:
Text und Fotos Elke Papouschek
1: Taglilie, Hemerocallis ´Crimson Glory´
2: Korallenstrauch, Erythrina crista-galli
3: Gewürzstrauch, Calycanthus x raulstonii ´Aphrodite´
4: Knollige Seidenpflanze, Asclepias tuberosa var. interior
5: Gelber Sonnenhut, Echinacea paradoxa
6: Flammenblume, Phlox
7: Rainfarn, Tanacetum vulgare
8: Rispiger Blauweiderich, Veronica spuria
9: Chitalpa tashkentensis, Baumoleander oder Schmalblättriger Trompetenbaum
10: Rainfarn, Tanacetum vulgare
11: Rainfarn und Lavendel
12: Gärtnerhaus mit vorgelagerten Rabatten
13: Reiherfedergras, Stipa pulcherrima nudicostata
14: Blick auf die prächtige Villa
15: Verbascum densiflorum, Achillea filipendulina 'Golden Plate', Achillea filipendulina 'Coronation Gold´
16: Blutweiderich Lythrum salicaria
17: Elke Papouschek hat das Gärtnern an der HBLFA für Gartenbau in Wien-Schönbrunn von der Pike auf gelernt und blieb dem Thema ihr Berufsleben lang treu. Sie war für Zeitschriften- und Buchproduktionen rund um den Garten verantwortlich und führt heute als selbstständige Gartenjournalistin ein Redaktionsbüro in Wien. Sie schreibt von der ersten Stunde an für das Magazin Servus in Stadt & Land über große und kleine Gärten, leidenschaftliche GärtnerInnen, Flora und Fauna und für das Magazin Umwelt & Energie über Umweltthemen aller Art. Als ganzjährige Schrebergärtnerin werkt sie dort, wo Wien in den Wienerwald übergeht und nicht nur Wanderer, sondern auch Rehe am Gartenzaun vorbei spazieren.
















