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Retentionsgründach im Faktencheck

Teil 1: Mythos und Wahrheit

Retentionsgründächer spielen eine immer größere Rolle bei der Regenwasserbewirtschaftung und Klimaanpassung in Städten. Gleichzeitig halten sich falsche Vorstellungen – rund um Planung, Nutzung und Technik bestehen viele Mythen. Wir werden in den nächsten Ausgaben des GALABAU Journals eine Serie zum Thema gestalten und zunächst auf Missverständnisse eingehen sowie auf die entscheidenden Voraussetzungen, damit ein System dauerhaft funktioniert.

Der erste und häufigste Mythos lautet, dass jedes Gründach automatisch ein Retentionsgründach sei. Tatsächlich kann jede Begrünung Wasser aufnehmen und den Abfluss verzögern, doch das reicht nicht aus, um behördliche Anforderungen zu erfüllen. „Das ist der Mythos Nummer eins, der uns in der Beratung täglich begegnet“, erklärt DI Gundula Dyk, Systemberaterin für Nutzdächer bei Bauder. „Jedes begrünte Dach reduziert den Abfluss, aber nur ein Retentionsgründach hat eine nachweisbare und normkonforme Rückhaltefunktion.“

In vielen Gemeinden werden heute maximale Einleitmengen vorgeschrieben, die nur mit berechneten Retentionssystemen eingehalten werden können. Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist die Sorge, dass ein Gründach Feuchtigkeit oder sogar Schimmel im Gebäude verursacht. Fachgerecht ausgeführte Aufbauten bestehen jedoch aus mehreren Schutzschichten, die die Abdichtung vor UV-Strahlung, Hitze und mechanischer Belastung schützen. Schäden entstehen meist nicht durch die Begrünung selbst, sondern durch Planungsfehler, beschädigte Abdichtungen oder mangelhafte Anschlüsse. „Eine korrekt ausgeführte Dachbegrünung schützt die Dachhaut und verlängert ihre Lebensdauer“, sagt Mario Schatzinger-Langer, Key Account bei PARGA. Ebenso hartnäckig hält sich die Annahme, der ökologische Nutzen sei gering. Tatsächlich tragen begrünte Dächer nachweislich zur Verbesserung des Stadtklimas bei. Sie speichern Regenwasser, reduzieren Hitzeinseln, binden Feinstaub und schaffen Lebensräume für Insekten und Vögel. Gerade in dicht bebauten Gebieten kann jede begrünte Dachfläche zur Entlastung der Infrastruktur beitragen.

Auch die Kombination mit Photovoltaik wird oft skeptisch gesehen. Manche Bauherren befürchten, dass Pflanzen den Wirkungsgrad der Module verschlechtern oder zusätzliche Risiken verursachen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass begrünte Dächer die Oberflächentemperatur senken und dadurch sogar zu besseren Erträgen führen können. Kühlere Module arbeiten effizienter, weshalb Funktionsdächer mit Begrünung und PV heute als besonders zukunftsfähige Lösung gelten. Ein weiterer Mythos betrifft die Kosten. Gründächer gelten als teuer, dabei wird häufig nur die Anfangsinvestition betrachtet. Gleichzeitig verlängert die Begrünung aber auch die Lebensdauer der Abdichtung, reduziert Temperaturbelastungen und kann durch Förderungen wirtschaftliche Vorteile bringen.

Nicht zuletzt wird oft angenommen, ein Gründach sei wartungsfrei.Doch auch extensive Begrünungen benötigen regelmäßige Kontrolle, damit Abläufe frei bleiben und sich keine unerwünschte Vegetation ausbreitet. Bei Retentionsgründächern kommt ein weiterer Irrtum hinzu, der die Abdichtung betrifft. Immer wieder wird behauptet, EPDM-Bahnen seien nur mit Zusatzstoffen wurzelfest. „Das stimmt so nicht“, erklärt Wolfgang Reitzer, Geschäftsführer von COVERiT. „Unsere EPDM-Dachhüllen werden digital vermessen, fertig verschweißt ab Werk geliefert und erfüllen alle Anforderungen der FLL-Prüfung. Diese ist strenger als die ÖNORM, weil dabei nicht nur die Bahn, sondern auch die Naht auf Wurzelfestigkeit getestet wird.“ Gerade bei Retentionsgründächern, bei denen Wasser gezielt auf dem Dach gespeichert wird, ist eine dauerhaft dichte Hülle entscheidend. Vorgefertigte Abdichtungen reduzieren Fehlerquellen und sparen Zeit auf der Baustelle. „Durch die dichte Dachhülle ab Werk entsteht ein klarer Zeit- und Sicherheitsvorteil, besonders bei komplexen Dachaufbauten“, so Reitzer.

Die Vielzahl dieser Mythen zeigt, dass ein Retentionsgründach nicht als einzelnes Produkt verstanden werden darf. Damit ein Dach tatsächlich Wasser zurückhalten und gleichzeitig dauerhaft dicht bleiben kann, müssen bestimmte Grundlagen bereits in der Planungsphase berücksichtigt werden. Oftmals beginnt das Problem schon damit, dass die Begriffe „Abflussbeiwert“ und „Retentionsnachweis“ verwechselt werden. Der Unterschied entscheidet allerdings darüber, ob ein Bauvorhaben genehmigt wird, ob Einleitbeschränkungen in die Kanalisation eingehalten werden können und ob das Dach im Extremwetterereignis hält, was es verspricht. Laut ÖNORM L1131 und ÖNORM B 2501 gelten für Gründächer folgende Abflussbeiwerte: Intensivbegrünungen ab 25 cm Schichtdicke erreichen φ = 0,1, Extensivbegrünungen ab 10 cm φ = 0,3, und ab 8 cm Schichtdicke φ = 0,5. Diese Werte beschreiben, wie viel Niederschlag in einem 15-minütigen Regenereignis abgeleitet wird. Sie sind aber keine Grundlage für die Dimensionierung von Regenwasserrückhalteanlagen. „Genau hier passiert der klassische Fehler", sagt Gundula Dyk. „Spitzenabflussbeiwert entlastet zuverlässig in den ersten 15 Minuten eines Starkregenereignisses, aber er sagt nichts darüber aus, wie viel Wasser das Dach über einen längeren Zeitraum zurückhalten kann.“ Entscheidend ist darum zunächst ein hydraulischer Nachweis, der zeigt, welche Niederschlagsmengen auftreten können und wie viel Wasser auf dem Dach gespeichert werden muss. Darauf aufbauend braucht es einen exakt abgestimmten Systemaufbau mit Retentionselement, Substrat, Filter- und Schutzschichten sowie einen geregelten Ablauf. Ebenso wichtig ist die richtige Ausführung, damit das Retentionsvolumen tatsächlich genutzt werden kann und das Wasser gleichmäßig auf der Fläche verteilt wird. „Für Projekte mit Einleitbeschränkung ist ein vollständiger Retentionsbericht Pflicht“, erklärt Dyk. „Nur wenn Berechnung, Systemaufbau und Ablaufregelung zusammenpassen, kann das Dach die geforderte Leistung auch im Starkregen erbringen.“ In der Praxis zeigt sich, dass genau hier der Unterschied zwischen einfachen Begrünungen und echten Retentionslösungen liegt. Systeme, bei denen Abdichtung, Retentionselemente, Substrat und Ablauftechnik aufeinander abgestimmt sind, bieten deutlich mehr Sicherheit als Einzelprodukte. Gleichzeitig erleichtern vorkonfektionierte Abdichtungen und geprüfte Schichtaufbauten die Ausführung und reduzieren das Risiko von Undichtigkeiten oder Fehlfunktionen.

Retentionsgründächer werden damit zu einem technischen Bauteil, das gleichzeitig ökologische und infrastrukturelle Aufgaben übernimmt. Richtig geplant und fachgerecht ausgeführt, schützen sie Gebäude, entlasten die Kanalisation und verbessern das Stadtklima. Die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass nicht das Gründach selbst Probleme verursacht, sondern fehlerhafte Planung oder unvollständige Systeme. Wird das Dach hingegen als ganzheitliche Lösung verstanden, kann es genau das leisten, was von moderner Architektur heute erwartet wird: Sicherheit, Nachhaltigkeit und langfristige Funktion.

Text: Norbert Hintersteininger, Fotos: Bauder, Parga, Coverit