Wenn das Dach zur Aufgabe wird
Teil 2: Normen und Technik
Retentionsgründächer mit Drossel – was Galabauer wirklich wissen müssen
Österreichische Kommunen verschärfen ihre Regenwasserpolitik. Das Dach bietet wertvolle Chancen als Teil des hydrologischen Gesamtkonzepts eines Gebäudes mitzuwirken. Retentionsraum auf Dachflächen kann für Baubescheide mit Einleitbeschränkung als technische Lösung herangezogen werden. Wer als GALABAU-Betrieb versteht, wie ein Retentionsgründach mit gedrosseltem Ablauf technisch, rechtlich und statisch funktioniert, sichert sich einen klaren Wettbewerbsvorteil – und positioniert sich als kompetenter Systempartner.

Was jahrzehntelang selbstverständlich war – Niederschlagswasser so schnell wie möglich in die Kanalisation zu leiten – ist heute in vielen österreichischen Baubescheiden ausdrücklich untersagt. Kommunen legen maximale Einleitmengen fest, ausgedrückt in Liter pro Sekunde. Das Dach kann damit zum Teil eines hydrologischen Gesamtkonzepts werden. „Ein Baubescheid mit Einleitbeschränkung ist keine Empfehlung. Er ist eine rechtlich bindende Vorgabe. Wer das erst bei der Abnahme merkt, hat ein Problem“, sagt DI Gundula Dyk, Systemberaterin Nutzdach bei Bauder Österreich. Sie berät GALABAU-Betriebe, Planungsbüros und Gemeinden – und erlebt regelmäßig, wie spät das Gründach als wertvoller Retentionsraum in den Planungsprozess einfließt.
Normen und Nachweise: Was in Österreich gilt
Zwei Regelwerke bilden den verbindlichen Rahmen: Die ÖNORM B 1131 – das österreichische Basisregelwerk für Dachbegrünungen, 2026 grundlegend überarbeitet – regelt Systemaufbauten, Materialeigenschaften und Ausführung. Die ÖNORM B 2501 regelt Entwässerungsanlagen für Gebäude und verbindet Dachaufbau, Abflussbeiwerte und Kanaleinleitung. Aus beiden ergibt sich die Grundlage für den hydraulischen Nachweis – das Dokument, das belegt, dass die behördlich erlaubte Einleitmenge rechnerisch eingehalten wird.
Die neue ÖNORM B 1131 ist ein Meilenstein: Österreich ist das einzige Land in der EU mit eigenständigen Normen für Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung. DI Christian Oberbichler, Geschäftsführer der Dachgrün GmbH und Leiter der für die Norm zuständigen Arbeitsgruppe, ordnet ein: „Die neue ÖNORM B 1131 definiert den Stand der Technik für zukunftsfitte, multifunktionale Gründächer und bildet aktuelle Trends und Entwicklungen systematisch ab.“ Hinzu kommt die ÖNORM B 3691 für Dachabdichtungen. Sie ist zur Zeit in Arbeit und wird die entscheidende Herausforderung beim Retentionsgründach: Das System muss als gefälleloses 0°-Dach ausgeführt werden – und das ist normativ eine Sonderkonstruktion.
Das 0°-Dach: Sonderkonstruktion mit klaren Pflichten
Warum ein Gefälle beim Retentionsdach nicht funktioniert, lässt sich einfach erklären: Wasser staut sich nicht parallel zum geneigten Untergrund, sondern exakt horizontal. Bei zwei Prozent Gefälle und 60 mm Anstauhöhe entsteht rund um den Ablaufpunkt ein Wasserkegel mit nur drei Meter Radius – rund 0,5 m³ pro Entwässerungspunkt. Bei 500 m² Dachfläche mit vier Ablaufpunkten wären das gerade 2 m³ gesamt. Ein einfaches Extensivgründach leistet ohne jedes Retentionselement das Fünffache.
Die ÖNORM B 3691 wird die Ausführung als 0°-Dach an klare Auflagen knüpfen. Stehendes Wasser blockiert bauphysikalisch die Dampfdiffusion von unten. Das macht eine korrekt positionierte Dampfsperre unterhalb der Dämmung – mit einem sd-Wert von ≥ 1.000 m gemäß ÖNORM B 3691 – zwingend erforderlich, um Kondensatschäden in der Konstruktion zu vermeiden. Die Abdichtung selbst muss nach Anwendungskategorie K3 (erhöhte Beanspruchungsklasse gemäß ÖNORM B 3691, u.a. für Dächer mit Wasseranstau) ausgeführt werden. Eine vollständige Ausführungsdokumentation ist Pflicht. Der Leitfaden von Institut für Flachdachbau und Bauwerksabdichtung (IFB) und Verband für Bauwerksbegrünung (VfB) hält fest, dass bei Retentionsdächern das Mindestgefälle systembedingt unterschritten werden darf – vorausgesetzt, alle Detaillösungen sind sorgfältig ausgeführt und dokumentiert. Die Arbeiten dürfen von geprüften Facharbeitern oder von durch IFB, TÜV oder gleichwertigen Institutionen zertifizierten Mitarbeitern ausgeführt werden. Die Abdichtung muss vom Hersteller freigegeben werden.
Die Abdichtungsebene: Fundament unter Dauerlast
Alle hydrologischen Überlegungen ruhen auf einer dichten, wurzelfesten, wasserbeständigen Abdichtungsebene. Wolfgang Reitzer, Geschäftsführer von COVERiT, bringt es auf den Punkt: „Beim Retentionsdach steht die Abdichtung unter Dauerlast – das ist eine komplett andere Anforderung als beim normalen Flachdach. Wir liefern die Plane werksseitig vorkonfektioniert, mit eingeschweißten Ecken und allen Durchdringungen in einem Stück. Fehler durch Nähte oder schlechte Anschlüsse gibt es so nicht. Das ist der entscheidende Vorteil, wenn dauerhaft Wasser auf dem Dach steht."
Die maßgenaue Vorkonfektionierung großflächiger EPDM-Planen – inklusive aller Formteile für Drossel, Notentwässerung und Attika – ist beim Retentionsdach besonders wertvoll: EPDM ist erprobt für Dauerbelastung unter Wasser, wurzelfest und jahrzehntelang beständig.
Statik: Lasten frühzeitig berücksichtigen
Ein Retentionsgründach ist schwer – wie schwer, hängt vom objektbezogen geplanten Rückhaltevolumen ab. Die Flächenlasten im wassergesättigten Zustand variieren je nach Systemaufbau erheblich und übersteigen jene eines Standard-Extensivgründachs deutlich. Die statische Reserve muss deshalb in der frühen Entwurfsphase bekannt sein. „Der Retentionsbericht gehört nicht erst in die Ausführungsplanung. Er muss spätestens zur Einreichung vorliegen, im Idealfall bereits in der Vorplanung", betont Dyk. „Häufig wird der Nachweis erst angefordert, wenn Dachneigung, Ablaufpunkte und Lastreserven bereits fixiert sind. Das ist schade, weil das Potential dann nicht voll ausgeschöpft werden kann oder die Planung vollkommen überarbeitet werden muss.“
System, Drossel, Notentwässerung
Jede Schicht hat eine hydrologische Aufgabe: Die Faserschutzmatte schützt die Abdichtung. Das Retentionselement bietet Platz für Wasseranstau. Das Kapillarleitvlies transportiert Wasser passiv nach oben. Das Filtervlies trennt Substrat und Retentionsebene und es sorgt dafür, dass Feinanteile nicht ausgeschwemmt werden. Die Vegetation übernimmt die Verdunstung – Extensivbegrünungen halten je nach Standort und Begrünungsaufbau 40 bis 70 Prozent des Jahresniederschlags zurück, bevor dieser das Retentionselement überhaupt erreicht.
Zwei Bauteile werden in der Praxis regelmäßig verwechselt. Die Drossel begrenzt den Abfluss auf den behördlich erlaubten Wert – passiv, wartungsarm, objektspezifisch eingestellt, aber mehrmals jährlich zu kontrollieren. Die Notentwässerung greift, wenn der Wasserstand den berechneten Maximalwert überschreitet – sie ist kein Teil des hydrologischen Konzepts, sondern des Sicherheitskonzepts. Beide Elemente sind zwingend. Keines ersetzt das andere.
Dazu kommt der dritte häufige Fehler: der Cs-Wert – der Spitzenabflussbeiwert, der das Abflussverhalten in den ersten 15 Minuten beschreibt – wird mit dem Drosselwert verwechselt. Für behördliche Einleitbeschränkungen braucht es zwingend eine eingestellte Drossel und den hydraulischen Nachweis.
Internationale Systemanbieter wie Bauder und Optigrün unterstützen mit Retentionsberichten auf Basis örtlicher Niederschlagsdaten. In Österreich setzen Partnerbetriebe wie Parga Optigrün-Systeme um – und bringen dabei zusätzliche Kompetenz etwa in der Bewässerungstechnik ein, die bei intensiv begrünten Retentionsdächern zunehmend relevant wird. Entscheidend bleibt: Nicht immer ist der kurze Starkregen das kritischste Ereignis – häufig ist ein Regen über zwei bis drei Stunden ausschlaggebend, weil dann die Differenz zwischen Zufluss und gedrosseltem Abfluss kumuliert.
Vom Ausführer zum Systempartner
DI Gundula Dyk fasst zusammen: „Ein Retentionsgründach ist kein gewöhnliches Gründach. Es ist ein berechnetes System. Wer es richtig plant und ausführt, schafft Retentionsraum, entlastet Kanäle und macht Dächer zu aktiven Bausteinen klimaresilienter Städte.“
Für GALABAU-Betriebe liegt darin eine klare Chance: Wer früh im Projektstadium auf den Retentionsbericht hinweist, wer erklärt, warum das Dach gefällelos sein muss, und wer Cs-Wert und Drosselabfluss unterscheiden kann, schafft die Voraussetzung. Wer dann auch in der Lage ist, den Systemaufbau normgerecht auszuführen – Retentionselemente, Vliese, Substrate und Vegetation als aufeinander abgestimmtes Ganzes –, der löst das Versprechen ein.
Mit ÖNORM B 1131 und ÖNORM B 2501 und ÖNORM B 3691 (sobald diese fertiggestellt ist) ist das Feld abgesteckt. Mit Systemanbietern wie Bauder, Fachpartnern wie Dachgrün und Parga sowie Abdichtungsspezialisten wie COVERiT stehen in Österreich alle Bausteine dafür bereit.
Bauder unterstützt Betriebe und Planungsbüros auf beiden Ebenen: mit technischer Beratung und Retentionsberichten auf Basis örtlicher Niederschlagsdaten ebenso wie mit geprüften Systemlösungen, die den normativen Anforderungen entsprechen. Gemeinsam mit Fachpartnern wie Dachgrün und Abdichtungsspezialisten wie COVERiT stehen in Österreich alle Bausteine für eine kompetente Ausführung bereit – vom Nachweis bis zur letzten Vegetationsschicht.


„Dachflächen bieten enormes Potential um Regenwasser zwischenzuspeichern und Einleitbeschränkungen durch Behörden sowohl rechnerisch als auch in der Praxis zu erfüllen. Bauder begleitet Betriebe von der ersten Planungsanfrage bis zum fertigen Nachweis. Wer das nutzt, hat nicht nur ein funktionierendes Dach. Er hat ein Argument gegenüber jedem Auftraggeber“, so Gundula Dyk, Systemberaterin für Nutzdächer bei Bauder.


„Beim Retentionsdach steht die Abdichtung unter Dauerlast – das ist eine komplett andere Anforderung als beim normalen Flachdach. Wir liefern die Plane werksseitig vorkonfektioniert, mit eingeschweißten Ecken und allen Durchdringungen in einem Stück. Fehler durch Nähte oder schlechte Anschlüsse gibt es so nicht“, so Wolfgang Reitzer, Geschäftsführer von COVERiT.

Text: Norbert Hintersteininger, Fotos: Bauder, Coverit