Ganz oben angekommen
Teil 3: Schwamm und Stadt
Die Schwammstadt wird erst mit einem Retentionsdach komplett
Rigolen, Versickerungsmulden und durchlässige Beläge sind der bekannte Standard der Schwammstadt – doch ein erheblicher Teil der Stadtfläche liegt gar nicht am Boden, sondern auf den Dächern darüber. Wie viel Rückhaltevolumen dort zu heben ist, zeigt die Sanierung der Arbeiterkammer Wien: ein Retentionsgründach, das Regenwasser speichert, Photovoltaik trägt und selbst unter Denkmalschutz-Auflagen funktioniert.
Der fehlende Baustein
Schwammstadt bedeutet: Regenwasser dort zurückhalten, wo es fällt, statt es ungebremst in die Kanalisation zu leiten. Auf Straßenniveau ist dieses Prinzip längst angekommen – Baumrigolen, durchlässige Beläge, Versickerungsmulden und unterirdische Speicher gehören inzwischen zum Standardrepertoire kommunaler Planung. Was dabei regelmäßig übersehen wird: Ein erheblicher Teil der Stadtfläche liegt gar nicht am Boden, sondern auf den Dächern darüber. Gerade in dicht bebauten Gebieten, wo für Rigolen und Versickerungsmulden schlicht kein Platz mehr ist, wird diese Fläche zur einzigen verbliebenen Reserve. Wird sie aktiviert, entsteht zusätzliches Rückhaltevolumen, ohne dass eine einzige Straße aufgerissen oder zusätzlicher Grund versiegelt werden muss. Das Dach wird damit vom passiven Wetterschutz zum aktiven Baustein der Wasserwirtschaft – vorausgesetzt, es wird auch so geplant. Genau hier entscheidet sich in der Praxis viel: Ob ein Dach diese Funktion tatsächlich erfüllt, hängt nicht von der Vegetation allein ab, sondern vom gesamten Systemaufbau – von der Abdichtung über das Retentionselement bis zur Drossel, die den Abfluss auf den behördlich zulässigen Wert begrenzt. Erst das Zusammenspiel aller Schichten macht aus einer Dachbegrünung ein Retentionsdach, das im Baubescheid auch als solches anerkannt wird.
Ein Dach zeigt, wie es geht
Wie viel Potenzial im Bestand steckt, zeigt die Sanierung des Hauptgebäudes der Arbeiterkammer Wien. Auf rund 2.700 m² Dachfläche entstand ein multifunktionales Retentionsgründach –
1.970 m² davon als Retentionsgründach, 446 m² als Retentionsterrassen, ergänzt um 139 m² gestaltete Aufenthaltsflächen für Mitarbeitende. Insgesamt können im Dachaufbau rund 100.980 Liter Wasser zurückgehalten werden. Dieses Volumen wird permanent im Gründachaufbau gespeichert und über die Vegetation verdunstet – ein direkter Beitrag zur Wasserbilanz des Gebäudes, der zugleich Verdunstungskälte erzeugt und das Mikroklima rund um das Haus spürbar verbessert. Besonders anspruchsvoll war dabei der Rahmen, in dem das Projekt entstehen musste: Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Retention, Photovoltaik, Absturzsicherung und Abdichtung durften nicht unabhängig voneinander geplant werden, sondern mussten so ineinandergreifen, dass am Ende weder die Statik noch das Erscheinungsbild des Hauses beeinträchtigt sind. Die PV-Module etwa wurden ohne zusätzliche Durchdringungen der Dachabdichtung montiert – eine auflastgehaltene Unterkonstruktion nutzt stattdessen das Gewicht des Gründachaufbaus, um die Module gegen Windsog zu sichern. Auch die Geländersysteme zur Absturzsicherung wurden auflastgehalten und klappbar ausgeführt, weil sie aufgrund der Denkmalschutzauflagen nicht sichtbar sein durften. „Die Arbeiterkammer Wien zeigt, dass ein Retentionsgründach auch unter Denkmalschutz und im Sanierungsfall möglich ist, wenn das System von Anfang an auf die spezifischen Anforderungen abgestimmt wird“, sagt DI Gundula Dyk, Systemberaterin Nutzdach bei Bauder Österreich. Zum Einsatz kam dabei ein durchgängiges System, das Retention, Dachbegrünung und Photovoltaik in einem abgestimmten Aufbau verbindet – ergänzt um mehr als 560 Laufmeter Absturzsicherung. Genau darin liegt für Dyk der eigentliche Fortschritt: nicht in einem einzelnen Produkt, sondern in der Tatsache, dass Statik, Entwässerung, Begrünung, Energieerzeugung und Sicherheit von Beginn an als ein gemeinsames Projekt gedacht wurden. Das Projekt macht damit sichtbar, was Schwammstadt im Gebäudebestand konkret bedeutet: die effiziente Nachrüstung vorhandener Flächen zu aktiven Klimabausteinen – selbst dort, wo die Rahmenbedingungen alles andere als einfach sind.
Vorbild Natur: das Mäander-Prinzip
Wie ein Dach Wasser gezielt verzögert, zeigt sich exemplarisch am Optigrün-System Retentionsdach Mäander. Die Idee dahinter stammt aus der Natur: Flüsse fließen selten geradlinig, sondern bilden durch Verwirbelungen S-förmige Schleifen, die die Fließstrecke verlängern und die Strömungsgeschwindigkeit senken. Das Mäander-Element überträgt dieses Prinzip auf den Dachaufbau. Die Kammerstruktur des Elements verlängert die Fließstrecke auf einer Fläche von zwei Quadratmetern auf bis zu 46 Meter und erreicht damit einen Spitzenabflussbeiwert von Cs = 0,01 – einen der niedrigsten Werte, die für eine Sedum-Begrünung derzeit erreichbar sind. Je nach Ausführung speichert das System zusätzlich dauerhaft Wasser im Dränelement, was die Verdunstung und damit die Kühlwirkung weiter erhöht – ein Effekt, der besonders in dicht bebauten, stark versiegelten Lagen zum Tragen kommt. Für den Systemaufbau bedeutet das: Ein flacher, leichter Aufbau kann bereits eine erhebliche Abflussverzögerung leisten, ohne dass die Dachstatik dafür grundlegend verstärkt werden muss – ein Argument, das gerade im Bestand oft den Ausschlag gibt. „Jedes Dach ist anders“, betont Mario Schatzinger-Langer, Key Account bei PARGA, „mit den professionellen Produkten unseres Partners Optigrün können wir von der extensiven Dachbegrünung über intensive Lösungen bis zu Funktionsbegrünungen alles anbieten, was ein Objekt konkret braucht.“ Auch für ihn liegt der eigentliche Wert nicht im einzelnen Produkt, sondern in der individuellen Abstimmung auf das jeweilige Gebäude: „Mit einer durchdachten und korrekt ausgeführten Dachbegrünung schaffen unsere Kunden mit unseren professionellen Lösungen eine Oase und einen Mehrwert für Mensch, Natur und Tier.“
Die Basis hält
So durchdacht das System oberhalb der Abdichtung auch ist – sein volles Potenzial entfaltet es erst, wenn die Ebene darunter von Anfang an mitgedacht wird. Bei Retentionsdächern steht diese Abdichtung dauerhaft unter Wasser, nicht nur kurzzeitig bei Starkregen. Das ist eine andere Beanspruchung als beim klassischen Flachdach, und sie verlangt eine andere Sorgfalt in Material und Verarbeitung. „Ein Retentionssystem entfaltet sein volles Potenzial erst dann, wenn die Abdichtung darunter von Anfang an für Dauerlast ausgelegt ist“, erklärt Wolfgang Reitzer, Geschäftsführer von COVERiT. „Werkseitig vorkonfektionierte EPDM-Planen mit verschweißten Nähten schaffen genau diese Sicherheit, unabhängig davon, welches Retentionselement darüber verbaut wird.“ Die maßgenaue Vorfertigung großflächiger Planen – inklusive aller Formteile für Durchdringungen, Attikaanschlüsse und Ablaufpunkte – reduziert dabei die klassischen Schwachstellen jeder Flachdachabdichtung: Nähte und Anschlüsse, die vor Ort unter Zeitdruck und wechselnden Witterungsbedingungen ausgeführt werden müssten. Bei einem Bauteil, das über Jahrzehnte permanent unter Wasser steht, ist das kein Detail, sondern die Voraussetzung dafür, dass das gesamte darüberliegende System – Retentionselement, Substrat, Vegetation – überhaupt so lange funktioniert, wie es geplant ist.
Was GALABAU-Betriebe mitnehmen können
Bauder zeigt mit der Ausführung des Daches der Arbeiterkammer Wien: Schwammstadt endet nicht am Boden. Wer als GALABAU-Betrieb versteht, dass das Dach ein gleichwertiger Baustein neben den Maßnahmen unter der Erde ist – und wer die passenden Systeme dafür kennt, von der Mäander-Drainage bis zur dauerlastfähigen Abdichtung –, erschließt sich ein Geschäftsfeld, das im Bestand gerade erst beginnt. Wie weit diese Systemtiefe reichen kann, beweist Bauder: von der Retentionsberechnung über den Gründachaufbau bis zur Absturzsicherung – alles aus einer Hand, wie das Projekt Arbeiterkammer Wien eindrucksvoll belegt. Für Betriebe, die frühzeitig in Planungsprozesse eingebunden werden wollen, ist genau das der entscheidende Hebel: nicht nur Vegetation und Pflege anzubieten, sondern die Schnittstellen zu Statik, Entwässerung, Energieerzeugung und Sicherheitstechnik zu beherrschen – und damit zum Systempartner zu werden, nicht nur zum Ausführer einer einzelnen Gewerkeleistung.

„Die Arbeiterkammer Wien zeigt, dass ein Retentionsgründach auch unter Denkmalschutz und im Sanierungsfall möglich ist, wenn das System von Anfang an auf die spezifischen Anforderungen abgestimmt wird“, so Gundula Dyk, Systemberaterin für Nutzdächer bei Bauder.

„Jedes Dach ist anders – und verdient eine individuell zugeschnittene Lösung.“ Mario Schatzinger-Langer, Key Account bei PARGA.

„Beim Retentionsdach steht die Abdichtung unter Dauerlast – das ist eine völlig andere Anforderung als beim normalen Flachdach – umso bedeutender ist unser Versprechen, dass unsere Flachdachabdichtungen dauerhaft dicht sind “, so Wolfgang Reitzer, Geschäftsführer von COVERiT.

Text: Norbert Hintersteininger, Fotos: Bauder, Parga, Coverit






