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Zukunftsbäume für Alleen:

Forschung für klimaresiliente Baumarten

Hitze, Trockenheit sowie neue Schädlinge und Krankheiten setzen Stadt- und Alleebäumen stark zu. Daher erforscht man seit Jahren gezielt neue, widerstandsfähige Baumarten – mit wichtigen Impulsen auch für die Zukunft unserer Alleen.

An zwei Versuchsstandorten der Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim wird die Resilienz von Stadtbäumen gegenüber dem Klimawandel erforscht. Die Ergebnisse sind auch für die Artenwahl bei Alleen relevant und auf Österreich übertragbar. Die wenigen Straßenbaumarten, die derzeit in unseren Städten den größten Anteil am Bestand einnehmen, sind durch die Auswirkungen des Klimawandels sowie durch neu auftretende Schädlinge und Krankheiten nur noch eingeschränkt einsetzbar. Daher gilt es, neue Baumarten für die Stadt zu finden.

Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass für eine zukunftsfähige und nachhaltige Baumpflanzung eine größere Artenvielfalt notwendig ist. Das bedeutet: Die Anteile häufig verwendeter Baumarten werden reduziert, während bislang wenig genutzte Arten verstärkt gepflanzt werden. Eine geringere Stückzahl je Art verringert das Ausfallrisiko, schützt vor der schnellen Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten und erhöht zugleich die Biodiversität. Um geeignete Arten zu identifizieren und ihre Verwendbarkeit zu beurteilen, sind neben theoretischen Studien zwingend praktische Versuche erforderlich.

 

Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt „Stadtgrün 2021+“ an der LWG, Institut für Stadtgrün und Landschaftsbau, initiiert. Seit 2010 werden dort zwanzig Baumarten getestet, seit 2015 weitere Arten ergänzt (siehe Tabelle 1). Aufgrund ihrer ursprünglichen Herkunft lassen die ausgewählten Arten eine hohe Hitze- und Trockenstresstoleranz erwarten. Sie wurden an drei bayerischen Standorten mit sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen gepflanzt und auf ihre Eignung als klimaresiliente Stadtbäume geprüft: Würzburg mit überdurchschnittlich langen Trockenperioden und hohen Temperaturen (Weinbauklima) als Teststandort für Trocken- und Hitzestresstoleranz; Hof/Münchberg unter kontinentalem Klimaeinfluss mit kalten Wintern als Teststandort für Frosttoleranz; Kempten mit gemäßigtem Voralpenklima und hohen Niederschlägen. Insgesamt wurden an den drei Standorten im Jahr 2010 460 Bäume gepflanzt sowie weitere 117 im Rahmen der Versuchserweiterung 2015 – jeweils acht Exemplare je Baumart entlang von Straßen. Weitere Angaben zum Versuchsaufbau finden sich bei Schönfeld, Böll, Körber (2015) sowie Böll und Schönfeld (2022).

Ein weiterer Versuch zum Thema „Bäume mit Zukunftscharakter“ wird vom Institut für Erwerbsgartenbau, Baumschule der LWG, auf dem Versuchsfeld „Am Stutel“ in Thüngersheim durchgeführt. Dort werden seit 2010 über 160 weitere Baumarten und Sorten mit jeweils vier Exemplaren pro Art getestet. Der Versuch wird kontinuierlich durch zusätzliche Arten ergänzt, ungeeignete Arten werden gerodet.

Der Standort weist einen lehmigen Sandboden (30er Boden) mit einem pH-Wert von etwa 7,2 auf. Einmal jährlich im Sommer werden die Bäume bonitiert hinsichtlich Vitalität, Krankheiten, Schädlingen, Blattfarbe, Stammgesundheit und Habitus. Zudem werden phänologische Daten wie Blattaustrieb, Blüte, Blattfall und Herbstfärbung erfasst. Dieser Versuch liefert wichtige Erkenntnisse, die das Projekt „Stadtgrün 2021+“ ergänzen (siehe Tabelle 2).

Hof / MünchbergKemptenWürzburg
Alnus x spaethiiAlnus x spaethiiAcer monspessulanum
Fraxinus ornusFraxinus ornusAlnus x spaethii
Fraxinus pennsylvanica SummitGleditsia triacanthos SkylineCarpinus betulus Frans Fontaine (?)
Gleditsia triacanthos SkylineMagnolia kobusFraxinus ornus
Liquidambar styracifluaQuercus frainetto TrumpGinkgo biloba
Magnolia kobusStyphnolobium japonicum RegentGleditsia triacanthos Skyline
Quercus cerrisUlmus LobelOstrya carpinifolia
Styphnolobium japonicum RegentQuercus cerris
Ulmus LobelQuercus frainetto Trump
Versuchserweiterung 2015
Acer opalusEucommia ulmoidesAcer opalus
Eucommia ulmoidesJuglans nigraMalus tschonoskii
Juglans nigraUlmus RebonaSorbus latifolia Henk Vink
Malus tschonoskiiTilia americana Redmond
Tilia americanaRedmondTilia mongolica
Ulmus RebonaUlmus Rebona
Tabelle 1 zeigt, welche Baumarten sich an den einzelnen Standorten am besten entwickelt haben.

Empfehlungen für die Pflanzung von Stadtbäumen und Alleen

Die Ergebnisse dieser Versuche, kombiniert mit Empfehlungslisten verschiedener Institutionen und Baumschulen, bieten inzwischen ein breites Spektrum an Baumarten und Sorten für die Verwendung im urbanen Raum. Relativ neu ist die 2023 an der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik in Müncheberg angelegte spezielle Versuchspflanzung für Alleebäume mit 33 Arten und Sorten. Abgesehen von Cedrus atlantica 'Glauca', Metasequoia glyptostroboides, Quercus texana, Sequoiadendron giganteum und Sorbus torminalis umfasst diese Liste Arten, die bereits in laufenden Versuchen getestet werden. Bis belastbare Ergebnisse veröffentlicht werden können, werden jedoch noch mehrere Jahre vergehen. Die Situation der Alleen ist der Lage der Stadtbäume vergleichbar. Auch hier dominieren wenige robuste Baumarten – meist Linden und Ahorn, seltener Eichen, Eschen oder Kastanien. Diese Arten sind jedoch ebenfalls nur noch begrenzt zukunftsfähig: teils aufgrund ihres hohen Alters, teils aufgrund der klimatischen Veränderungen, die auch an Alleestandorten deutlich spürbar sind. Gesucht werden daher Arten, die potenziell widerstandsfähiger sowie krankheits- und schädlingsresistenter sind, um das bestehende Sortiment zu erweitern. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich allerdings von Region zu Region.

In der „Alleenkonzeption 2030“ des Landes Brandenburg ist beispielsweise vorgesehen, bevorzugt gebietsheimische Arten zu pflanzen. Gleichzeitig wird gefordert, die Potenziale klimaresilienter und gegebenenfalls nicht gebietseigener Baumarten stärker in die Pflanzplanung einzubeziehen. Gemischte Alleen sind ausdrücklich möglich, um gegenüber möglichen Kalamitäten besser gewappnet zu sein.

Im Alleenerlass von Mecklenburg-Vorpommern hingegen ist festgelegt, dass an tausalzbelasteten Standorten bevorzugt tiefwurzelnde Baumarten wie Eichen- und Ulmenarten, Platane oder Esskastanie zu pflanzen sind. Eichen und Ulmen sollen dabei möglichst aus gebietsheimischer Herkunft stammen. Künftig sind vor allem einheimische und trockenheitsverträgliche Arten zu bevorzugen. Eine Sonderregelung besteht für seltene, lokal typische Baumarten, die durch Neuanpflanzungen – gegebenenfalls auch abschnittsweise – gefördert werden sollen.
 Im Freistaat Sachsen wiederum bedarf die Verwendung gebietsfremder Gehölze außerhalb von Siedlungen einer naturschutzrechtlichen Genehmigung. In Brandenburg besteht derzeit allerdings ein Mangel an Erntebeständen gebietsheimischer Baumarten, was deren Verfügbarkeit einschränkt. Sonderregelungen gelten für Obstalleen und geschützte historische Alleen.


 Doch lassen sich die Ergebnisse der Stadtbaumforschung auf die Baumartenauswahl für Alleen übertragen? Carolin Mara Lenz kommt 2024 in ihrer Masterarbeit zu dem Ergebnis, dass die Standortbedingungen für eine Allee im ländlichen Raum in der Regel weniger extrem sind als für Stadtbäume. Lenz stellte – unterteilt in acht Kategorien – 42 Kriterien für die Auswahl von Alleebäumen zusammen und befragte dazu 15 Expertinnen und Experten; sieben beantworteten den Fragebogen. 30 der 42 Kriterien erhielten mit einer Bewertung von ≥ 3 (von maximal 5) eine mittlere bis hohe Bedeutung. Die wichtigsten Kriterien waren ein geeigneter Habitus für Straßenstandorte (4,75) sowie Trockenstresstoleranz (4,75). Weitere bedeutsame Kriterien waren: Hitzetoleranz (4,00), Winterhärte (4,00), Spätfrosthärte (4,00), Windfestigkeit (4,13), Resistenz gegenüber Krankheiten und Schädlingen (4,00), Biodiversitätspotenzial (4,00), landschaftsgestalterische Funktion (4,00), Beschattungspotenzial (3,63), Erscheinungsbild (4,00), Schnittverträglichkeit (3,63), Habitatfunktion (3,50), Insektennährwert (3,63) sowie Pflegeaufwand (4,13). Die „gebietseigene Herkunft“ spielte mit einer Bewertung von 2,75 („niedrige bis mittlere Bedeutung“) eine eher untergeordnete Rolle (vgl. Lenz 2024). Anschließend verglich Lenz anhand von zehn Baumarten, in welchem Umfang die Empfehlungen der GALK-Liste, der KlimaArtenMatrix (KLAM) und „Stadtgrün 2021+“ Informationen zu ihren 42 Kriterien liefern. Der Nutzwert des Projekts „Stadtgrün 2021+“ lag bei 19 %, für die GALK-Liste bei 29 % und für die KLAM bei 15 %. In der Zusammenführung aller drei Quellen stieg der Nutzwert auf 32 %.


 Auch wenn der Gesamtnutzwert über alle Kriterien hinweg vergleichsweise niedrig erscheint, zeigt sich doch, dass – gemessen an der Gewichtung der Kriterien durch die Expertinnen und Experten – die wichtigsten Aspekte durch das Projekt „Stadtgrün 2021+“ abgedeckt werden. Zum Zeitpunkt der Erstellung der Masterarbeit lagen die Veröffentlichungen von Böll zu Biodiversitätsversuchen sowie die Untersuchungen von Böll, Klemisch und Schönfeld zum Nährstoffgehalt in Baumsubstraten noch nicht vor. Diese Ergebnisse hätten den Nutzwert vermutlich erhöht. Die Übertragbarkeit der Forschungsergebnisse auf die Suche nach geeigneten Alleebaumarten ist somit grundsätzlich gegeben.


 Unabhängig davon bleiben die entscheidenden Faktoren für die Baumartenwahl: die genaue Kenntnis der Standortbedingungen vor Ort, die Ansprüche der jeweiligen Baumarten sowie eine fachgerechte Bodenvorbereitung, Pflanzung und langfristig gesicherte Pflege. Tabelle 1 zeigt, an welchen Standorten des Forschungsprojekts jeweils die beste Entwicklung festgestellt wurde. Die meisten Arten können nur für einen oder zwei Standorte empfohlen werden. Einige wenige, offenbar besonders anpassungsfähige Arten entwickelten sich hingegen an allen drei Standorten gleichermaßen gut: Alnus × spaethii, Fraxinus ornus, Gleditsia triacanthos 'Skyline', Styphnolobium japonicum 'Regent', Ulmus 'Lobel' und Ulmus 'Rebona'. Unter den 18 besonders hitze- und trockenheitsverträglichen Arten am Standort Würzburg befinden sich jedoch auch Arten, die empfindlich gegenüber Staunässe sind, etwa Acer monspessulanum, Acer opalus, Ostrya carpinifolia oder Sorbus latifolia 'Henk Vink'. Sechs der insgesamt 29 getesteten Arten konnten unter den Bedingungen dieses Versuchs an keinem Standort überzeugen. Die Gründe waren unterschiedlich: Acer buergerianum (überhängende Äste, Stammrisse trotz Stammschutz), Acer rubrum 'Somerset' (mangelnde Trockenheitsresistenz, Empfindlichkeit gegenüber schwach alkalischem pH-Wert im Substrat), Celtis australis (unzureichende Frostresistenz), Parrotia persica 'Vanessa' (mangelnde Trockenheitsresistenz), Quercus × hispanica 'Wageningen' und Zelkova serrata 'Green Vase' (sehr schlechte Pflanzenqualität).

Neben Baumgröße, Kronenform und Lichtansprüchen ist entscheidend zu wissen, ob die geplanten Arten sauren oder alkalischen Boden benötigen oder anpassungsfähig sind. Dieses Wissen fehlt häufig oder wird ignoriert, was im Extremfall zum vollständigen Ausfall der Bäume führen kann. Leider geben viele Kataloge, Fachbücher und Baumlisten nur selten explizit Hinweise zu pH-sensiblen Arten. Ein Substrat mit niedrigem pH-Wert hilft nur, wenn der umgebende Boden ebenfalls diesen Wert aufweist. Andernfalls sollte eine Baumart gewählt werden, deren Boden- und Substratansprüche zu den örtlichen Gegebenheiten passen.

Baumempfehlung
Acer campestre 'Elsrijk'Malus trilobata / Malus tschonoskii
Acer campestre 'Huibers Elegant'Ostrya carpinifolia (2021)
Acer monspessulanum (2021)Platanus orientalis 'Minaret'
Acer opalusQuercus cerris (2021)
Acer x freemanii 'Autumn Blaze'Quercus frainetto oder 'Trump' (2021)
Acer platanoides in SortenQuercus petraea / robur / pubescens
Alnus x spaethii (2021)Styphnolobium japonicum oder 'Regent' (2021)
Carpinus betulus 'Lucas'Sorbus x latifolia 'Henk Vink'(2021)
Celtis australis (2021)Tilia cordata 'Erecta'/'Böhlje'/ 'Rancho'/ Greenspire'
Celtis occidentalisTilia x euchlora
Fraxinus ornus 'Louisa Lady'Tilia americana 'Redmond'
Fraxinus pennsylvanica 'Summit' (2021)Tilia platyphyllos 'Örebro'
Fraxinus angustifolia 'Raywood'Tilia tomentosa 'Brabant' (2021)
Ginkgo biloba (2021)Ulmus laevis
Gleditsia triacanthos 'Skyline' (2021) oder 'Inermis', 'Shademaster', 'Streetkeeper'Ulmus 'Lobel' (2021)
Koelreuteria paniculataUlmus 'Rebona' (2021) und/oder 'New Horizon'
Liquidambar styraciflua (2021) und/oder 'Worplesdon'; 'Slender Silhouette'Ulmus 'Columella'
Tabelle 2: Zusammenfassende Baumempfehlung 2022 „Bäume mit Zukunftscharakter“, Institut für Erwerbsgartenbau, Baumschule, LWG Veitshöchheim, Versuchsgelände „Am Stutel“.

Text und Fotos: Dr. Philipp Schönfeld

Literatur:

Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (o.D.): www.lwg.bayern.de/gartenbau/baumschule/101381/index.php

Böll, Susanne und Schönfeld, Philipp (2022): „Stadtgrün 2021“ – Synthese. Teil 1. Deutsche Baumschule 03/2022, S. 34-37 und „Stadtgrün 2021“ – Synthese. Teil 2. Deutsche Baumschule 04/2022, S. 42-48

Lenz, Carolin Mara (2024): Klimaangepasste Baumartenwahl für ländliche Alleen in Brandenburg: Nutzwertanalyse der Übertragbarkeit von Empfehlungen für den urbanen Raum. Masterarbeit, Studiengang Urbanes Pflanzen- und Freiraummanagement. Berliner Hochschule für Technik 

Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung des Landes Brandenburg (Hrsg.) (2024): Alleenkonzeption 2030 des Landes Brandenburg.

Ministerium für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung und des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz (2015):Schutz, Pflege und Neuanpflanzung von Alleen und einseitigen Baumreihen in Mecklenburg-Vorpommern. (Alleenerlass – AlErl M-V). 8 Seiten

Roloff, Andreas (Hrsg.) (2021): Trockenstress bei Bäumen, Ursachen, Strategien, Praxis. Quelle und Meyer, 288 Seiten

Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (Hrsg.) (2020): Straßenbäume im ländlichen Raum, Pflanzempfehlungen für straßenbegleitende Baumreihen und Alleen. 36 Seiten

Schönfeld, Philipp.; Böll, Susanne; Körber, Klaus (2015): Weitere Baumarten im Test. Deutsche Baumschule, 8, S. 14- 17